Milestudio
An einem kalten Morgen am Meer sitzt Milena an einem alten grünen Tisch und blättert in einem Einrichtungsband.
Draußen vor den hohen Fenstern legt sich Schnee zwischen die Kiefern. Auf dem Tisch vor ihr liegen Steinmuster, Holzfurniere und Stoffproben – sie schiebt sie langsam hin und her, spürt Gewicht und Oberfläche mit den Händen. Milena ist Innenarchitektin, und sie arbeitet so sehr aus dem Bauchgefühl heraus wie nach einem Plan. Ihr Prozess beginnt still. Mit Licht. Mit Material. Mit Zeit.
In einem weichen Leinenhemd erzählt sie von Räumen – nicht als etwas, das man füllt, sondern als etwas, das man freilegt. „Kreativität beginnt mit einer Pause", sagt sie. „Mit dem Atmen."
Da fangen wir an.

Über Prozess & Wahrnehmung
Wo beginnt Kreativität für dich?
Am Meer langsam zu leben hat mir gezeigt, dass Kreativität keine ständige Bewegung ist. Es geht darum, innezuhalten. Ein- und auszuatmen. Menschen und ihre Geschichten zu beobachten. Für mich liegt Kreativität im Prozess selbst. Wenn der Prozess sich ehrlich und vollständig anfühlt, entsteht etwas, das mir wirklich am Herzen liegt. Jedes Projekt beginnt mit einem Raumplan – ein guter Plan ist bereits ein starkes Fundament. Parallel dazu entwickle ich das Konzept, die Idee, die das Projekt trägt. Ich baue Materialkollagen, erstelle 3D-Visualisierungen und fertige technische Zeichnungen an. Vom ersten Entwurf bis zur Baubegleitung bin ich den ganzen Weg dabei.
Wenn du zum ersten Mal einen Raum betrittst – was zieht deine Aufmerksamkeit auf sich?
Das Licht. Wie es sich bewegt. Welche Schatten es wirft. Welche Tiefe es Oberflächen gibt. Licht bestimmt die gesamte Atmosphäre eines Raumes. Es kann ihn weich machen, dramatisieren oder völlig verwandeln. Bevor ich irgendetwas anderes wahrnehme, beobachte ich, wie der Raum atmet.
Woran merkst du, dass ein Raum fertig ist?
Ich folge einem einfachen Prinzip: Wenn ich einen Gegenstand entferne und sich nichts verändert, war er nicht nötig. Ich lasse gern Raum. Eine kleine Leere. Sie lässt später etwas Unerwartetes eintreten – ein neues Objekt, eine Erinnerung, eine Entdeckung. Ein Zuhause sollte Platz haben, um sich weiterzuentwickeln.
Über Kontrast & Material
Gibt es ein Gestaltungsprinzip, das du bewusst hinterfragst?
Ich kombiniere gerne Elemente, die auf den ersten Blick nicht zusammenpassen. Etwas sehr Weiches neben etwas Grobem. Ein zartes Textil neben rohem Beton. Mich zieht Unvollkommenheit an – Materialien, die nicht zu glatt, nicht zu perfekt sind. Echte Materialien bedeuten mir viel. Stein, Holz, Metall, Leinen. Sie altern. Sie verändern sich. Sie haben Textur und Ehrlichkeit. Darin liegt eine gewisse Magie.
Deine Arbeit verbindet Weichheit mit rohen Materialien. Was zieht dich zu diesem Kontrast?
Ich glaube, Kontrast erzeugt Spannung – und Spannung erzeugt Leben. Wenn alles weich ist, wirkt es flach. Wenn alles hart ist, wirkt es kalt. Wenn beides zusammenkommt, fühlt sich der Raum menschlicher an. Weichheit lädt ein. Rohheit erdet.
Welches Material ist dir am persönlichsten?
Leder und Leinen. Leder fühlt sich stark an, beständig, mit einer gewissen Kühnheit. Es hat Präsenz. Aber Leinen ist das Intimste. Es lebt in den nächsten Räumen um uns herum. Vorhänge, die Geborgenheit schaffen. Bettwäsche, wo Ruhe und Verletzlichkeit aufeinandertreffen. Leinen fühlt sich ehrlich an. Es atmet. Es wird weicher mit der Zeit. Je länger man damit lebt, desto schöner wird es.
Über Erinnerung & Gefühl
Welche Erinnerungen tauchen auf, wenn du an dein Elternhaus denkst?
Wärme. Ich erinnere mich an einen stark geheizten Ofen und das Gefühl, wie meine Wangen von der Hitze glühten. Unser Zuhause fühlte sich tief geborgen an. Jede Ecke war von den Händen meiner Mutter geprägt. Es war gemütlich, aber nicht perfekt. Und ich glaube, dieses Gefühl von Fürsorge hat mich nie losgelassen.
Gibt es Momente des Zweifels in deinem Prozess?
Natürlich. Es gibt Momente, in denen ich ein Detail zu sehr zerdenke und anfange, die gesamte Richtung in Frage zu stellen. Manchmal verliere ich mich in einem Element und vergesse, einen Schritt zurückzutreten. In solchen Momenten halte ich inne. Ich vertraue meiner Intuition. Ich vertraue meinem Team. Meistens ist die Antwort einfacher, als ich denke.
Was sollen Menschen fühlen, wenn sie ein Zuhause betreten, das du gestaltet hast?
Ich hoffe, sie fühlen etwas Persönliches. Ich beginne immer mit dem Kontext. Der Geschichte des Ortes, aber auch der Geschichte des Menschen, der dort leben wird. Wenn diese beiden anfangen, miteinander zu sprechen, wird das Interieur authentisch. Ich möchte nie, dass ein Raum inszeniert oder steril wirkt. Er soll Erinnerungen tragen. Er soll gelebt wirken – auch wenn er neu ist.
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